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Unkonventionelle Trainingskultur in Dänemark: Der Club, in dem alle nur zweimal pro Woche trainieren
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Unkonventionelle Trainingskultur in Dänemark: Der Club, in dem alle nur zweimal pro Woche trainieren

Der dänische Handballverein KLG Handball verfolgt einen radikal "anderen" Weg: Hier haben alle Mannschaften ab 11 Jahren nur zwei organisierte Trainings pro Woche.

Auf der Suche nach mehr Wissen über "Abbrecher"/Fluktuation im Kindersport bin ich mit dem Verein KLG in Herning und Eirik vom norwegischen Sportpodcast "Pappatrenerne" in Kontakt getreten.

Freundschaft, Spiel und Freude

In Lind bei Herning ist die Mannschaft KLG Håndbold zuhause, die mit knapp 300 Mitgliedern vom Mini bis zum Senior der grösste Handballverein der Gemeinde ist. Der Verein hat die drei Anfangsbuchstaben des Namens in drei Grundwerte übersetzt: Freundschaft (Kameratskap), Spiel (LEK) und Freude (Glede). Die Werte stimmen bei allem überein, was an Aktivitäten auf und neben dem Platz im KLG Håndbold stattfindet. Soziale Beziehungen, das Spiel mit dem Ball und der Spass stehen im Fokus.

Im Jahr 2020 hat KLG Handball einen sportlichen und wertorientierten „roten Faden“ namens KLG-Kurs vorgestellt, der auf professionellen Empfehlungen und Richtlinien für den Kinder- und Jugendhandball basiert. KLG bezeichnet sich selbst als „zweimal wöchentlich“-Club. Der Kurs ist ein Versuch, die Werte Freundschaft, Spiel und Freude in einen spezifischen Kontext zu übernehmen, der Trainer und Freiwillige unabhängig vom Alter leitet.  

«Als Jugendliche:r im 2021 gibt es viele Aktivitäten und Bezugspunkte für die Jugendlichen und ihre Eltern. Daher wollen wir den Jugendlichen mit einem Handballangebot entgegenkommen, das andere und mehr Aktivitäten während der Woche ermöglicht, sowohl sportlich als auch nicht-sportlich. Auf diese Weise hoffen wir, mehr junge Menschen zum Wohle des Vereins und des dänischen Handballs im Allgemeinen zu halten“, sagt Malene Dalgaard-Hansen, Sportliche Beraterin bei KLG Håndbold.

Die Trainingsfrequenz ist zu einem zentralen Bestandteil der Werteentscheidungen und der Philosophie des Clubs geworden. KLG Handball hat sich entschieden, einen Verein zu sein, den sie "zweimal-wöchentlich" nennen. Das bedeutet, dass der Verein für alle Mannschaften ab 11 Jahren zwei wöchentliche Trainingseinheiten anbietet. Die Trainingszeit beträgt 2 x 60 Minuten bis 13 Jahre, dann wird sie auf 2 x 90 Minuten erhöht. 

„Für diese Empfehlung gibt es mehrere Gründe. In erster Linie wird das Fundament des Vereins als breiter Verein betont, in dem Platz für alle sein soll. Kein Spieler ist wichtiger als die Mannschaft, und keine Mannschaft ist wichtiger als der Verein“, sagt Dalgaard-Hansen.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Programm des Klubs Kompromisse bei der Entwicklung des einzelnen Spielers eingeht. 

„Die Forschung zeigt, dass Kinder und Jugendliche mit dem Sport fortfahren, wenn sie Entwicklung und Fortschritt spüren. Daher arbeiten wir täglich mit angepasstem Training "nach oben" und "nach unten". Das bedeutet, dass ein oder mehrere Spieler in einem der beiden wöchentlichen Trainingseinheiten bei einem älteren Jahrgang mittrainieren können. Gleichzeitig werden wir als Verein einem außergewöhnlich talentierten Spieler nicht im Weg stehen, der den Mut und die Lust hat, sich in einem anderen Verein auf einem höheren Niveau zu versuchen“, sagt Dalgaard-Hansen.

- Der richtige Weg

Eirik Øiestad leitet den Podcast Pappatrenerne und ist Handballtrainer bei Bækkelagets SK in Oslo. Er hat keinen Zweifel, dass wir mehr Klubs brauchen, die ähnlich wie der KLG denken.

„Das ist eine durchdachte und strategische Entwicklungsarbeit, die auch eine gehörige Portion Mut erfordert. Man muss sich eingefahrenen Vorstellungen widersetzen, dass man, um „mitzuhalten“ zu können, mehr Training und Wettkampf haben muss, sobald man in den Jugendsport einsteigt. Fakt ist, dass die Abbrecherquote, die wir im Sport allgemein und Handball im Besonderen in der Zeit der Sekundarstufe II haben, zeigt, dass wir einiges einfach falsch machen – und dass das Modell von KLG von mehr Vereinen getestet werden sollte“, sagt Øiestad. 

"Ich reise jetzt selbst als Elternteil mit einem U14-Team herum. Wir treffen immer mehr Vereine, die sich zusammengeschlossen haben, um Teams bilden zu können. Dies gilt auch für Vereine mit einer großen Rekrutierungsbasis, die keine Probleme mit dem Aufbau genug grosser Gruppen haben sollten. Ich sehe keine andere Erklärung für diese Fluktuation, als dass die Vereine ihre Hauptaufgabe, nämlich die Jugend zu halten, nicht erfüllen. Warum dann nicht die Strategie ändern? fragt Øiestad. 

Er verweist auf eine große Studie aus Schweden, die zeigt, dass junge Menschen mehr denn je an körperlicher Aktivität und Bewegung interessiert sind. Gleichzeitig sagen sie, dass der traditionelle organisierte Sport zu sehr auf Wettbewerb ausgerichtet ist und nicht auf ihre Bedürfnisse eingeht.  

Reduzierte Abbrecherquote/Fluktuation

«Der Übergang  vom Kindersport zum Jugendsport ist zu abrupt und erwachsenenkontrolliert, oft mit einem zu starken Anstieg des Trainings- und Wettkampfumfangs. Schon dort verlieren wir viele, die sich durchaus vorstellen könnten, mit dem Handball weiterzumachen. Die Freude verschwindet und dann kommt das "Aufhören". Ich würde mir wünschen, dass mehr Vereine die Haltung einnehmen, das Aktivitätsniveau auf einem moderaten Niveau zu halten, so dass es den allgemeinen Bedürfnissen angepasst ist. Dann findet man Lösungen für die einzelnen Spieler, die mehr brauchen, zum Beispiel durch Trainingseinheiten bei anderen Vereinen oder dann Vereinswechsel“, sagt Øiestad.

Er glaubt auch, dass das Modell von KLG noch weitere Vorteile bietet als nur weniger "Abbrecher". 

«Ich denke, KLG schafft noch mehr Win-Win. Meine Hypothese ist, dass man durch die Beschränkung auf zwei Trainings die Qualität der Einheiten steigern und somit mehr in weniger Zeit rausholen kann. Zwei gute Trainings sind besser als drei halbgute. Es bietet denoft ehrenamtlichen Trainer:innen mehr Zeit um zu planen und gut vorbereitet zu sein. Es verringert auch den Druck auf die Hallenkapazität, was beispielsweise dazu genutzt werden kann, mehr "offene Halle" anzubieten, was in Handball-Norwegen vielerorts ein dramatischer Verlust ist. Ich begrüße die Idee vom KLG, ich denke, sie werden erfolgreich sein und bin mir zu 100% sicher, dass es in der Hanbdallwelt ein Bedürfniss für ihr Modell gibt», schließt Øiestad.

Das finde ich sehr spannend und freue mich darauf, KLG in Zukunft zu verfolgen. Mein Wunsch ist es, dass man sich mit einem solchen Artikel bewusst Gedanken über die heutige Trainingskultur macht, der wir vielleicht mittlerweile fast zu blind vertrauen ...

- Bjarte Myrhol

Veröffentlicht: 
26. Oktober 2021
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